Geschichte der deutschen Siedlungen in Turkestan – Die deutschen Aussiedler von Tadschikistan

Die Geschichte der deutschen Siedlungen in Turkestan umfasst einen Zeitraum von über 130 Jahren. Sie beginnt im späten 19. Jahrhundert mit der Ankunft erster Mennoniten und Lutheraner in der mittelasiatischen Provinz des Russischen Reiches und endet mit dem Massenexodus der Russlanddeutschen nach dem Zerfall der Sowjetunion. Turkestan bezeichnete eine historische Region zwischen dem Kaspischen Meer und dem Tienschan-Gebirge. Heute liegen auf diesem Gebiet die Staaten Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan, Turkmenistan und der südliche Teil Kasachstans. Deutsche lebten dort als Militärs, Verwaltungsbeamte, Fachleute, Unternehmer und Bauern. Besonders in Tadschikistan prägten deutsche Siedler und Deportierte ganze Ortschaften. Die Volkszählung von 1989 zählte in der Tadschikischen SSR noch rund 32.600 Personen deutscher Nationalität. Heute leben dort schätzungsweise nur noch etwa 1.500 Deutsche.

Wie Turkestan zum Ziel deutscher Siedler wurde

Das Generalgouvernement Turkestan wurde 1867 mit Taschkent als Zentrum gegründet. Es entstand nach der Eroberung Mittelasiens durch das Russische Reich ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Gebiet umfasste fünf Verwaltungseinheiten: Semirjetschje, Syr-Darja, Samarkand, Fergana und Transkaspien. Die Vasallenstaaten Emirat Buchara und Khanat Chiva standen unter russischem Protektorat.

Die europäische Bevölkerung Turkestans betrug laut Volkszählung von 1897 etwa vier Prozent der Gesamtbevölkerung. Die meisten Europäer lebten in den Städten. Die einheimische Bevölkerung bestand aus sesshaften Tadschiken und Usbeken sowie nomadischen Kasachen, Kirgisen und Turkmenen.

Die Kolonisationspolitik des Zarenreiches zielte darauf ab, russische und ukrainische Bauern im asiatischen Teil des Reiches anzusiedeln. In Turkestan war die Besiedlung aber schwieriger als in Sibirien. Die Landwirtschaft hing stark von Bewässerungssystemen ab. Neues Ackerland konnte nur durch teure Bewässerungsmaßnahmen gewonnen werden. Die Regierung wollte zudem Unruhen unter der einheimischen Bevölkerung vermeiden.

Die ersten Deutschen am Rand der Seidenstraße

Die ersten Deutschen in Turkestan waren keine Bauern, sondern Militärs und Verwaltungsbeamte. Viele von ihnen stammten aus den baltischen Provinzen des Russischen Reiches. Der erste Generalgouverneur von Turkestan, Konstantin von Kaufman (1818–1882), war selbst deutschstämmig. Er regierte die Region von 1867 bis zu seinem Tod und förderte die Entwicklung und Besiedlung aktiv.

Mit der wirtschaftlichen Erschließung Turkestans kamen auch Unternehmer, Wissenschaftler, Ärzte und Handwerker deutscher Herkunft. In Taschkent gründete Hieronymus Krause die erste Privatapotheke. Heinrich Wilhelm Dürrschmidt baute ab 1883 ein Netzwerk von über 20 Darmreinigungsbetrieben in ganz Turkestan auf. Die Volkszählung von 1897 zählte insgesamt 3.722 Deutsche in den russischen Gebieten Turkestans – verteilt auf Militärs, Arbeiter, Handwerker und Dienstpersonal.

Vor dem Ersten Weltkrieg lebten allein in Taschkent rund 4.200 Deutsche. Das waren etwa fünf Prozent der dortigen europäischen Bevölkerung. Deutsche waren in fast jeder Stadt Turkestans vertreten.

Mennoniten und Lutheraner gründen die ersten Dörfer

Die Gründung der ersten deutschen Bauernsiedlungen in Turkestan geht auf das Jahr 1881 zurück. Mennoniten, vor allem aus dem Wolgagebiet und der Molotschna, zogen auf Einladung von Generalgouverneur von Kaufman nach Turkestan. Religiöse Gründe spielten eine wichtige Rolle. Die Mennoniten lehnten den Militärdienst ab und suchten nach einem Ort, an dem sie ihren Glauben frei leben konnten.

1882 gründeten sie im Kreis Aulie-Ata (heute Taras, Kasachstan/Kirgistan) vier Dörfer: Nikolaipol, Gnadental, Gnadenfeld und Köppental. Jede Familie erhielt zwischen 10 und 20 Desjatinen Land. Ein weiterer Teil der Mennoniten gründete 1884 die Kolonie Ak-Metsched nahe Chiwa.

In den 1890er Jahren entstanden vor allem von Lutheranern bewohnte Siedlungen: Orlowka (nahe Aulie-Ata), Konstantinowka (nahe Taschkent, die größte deutsche Siedlung in Turkestan), sowie Saratowskoje und Krestowoje im Gebiet Transkaspien.

Die deutschen Siedler brachten fortschrittliche Landwirtschaftsmethoden mit. Sie führten die Milchwirtschaft in der Region ein. Durch Kreuzung von importiertem Rassevieh mit einheimischen Rindern entwickelten sie neue, ertragreiche Rassen. Die erste Käserei eröffnete K. Epp bereits 1888. Butter und Käse aus den deutschen Dörfern waren in Taschkent und anderen Städten bekannt. Man nannte die Butter dort einfach „die deutsche“.

Gesetze gegen deutsche Bauern – und wie sie trotzdem blieben

Die Besiedlung war für Deutsche in Turkestan mit besonderen rechtlichen Hürden verbunden. Eine Verordnung von 1903 legte fest, dass nur Personen „russischer Abstammung und griechisch-orthodoxen Glaubens“ auf Kronland in den Kerngebieten Turkestans siedeln durften. Deutsche Bauern waren damit offiziell ausgeschlossen.

Trotzdem setzte sich die Zuwanderung fort. Deutsche Siedlungen entstanden meist mit stillschweigender Duldung der örtlichen Verwaltung. Viele Familien gründeten sogenannte eigenmächtige Siedlungen ohne offizielle Genehmigung. Sie pachteten Land von kasachischen und kirgisischen Nomaden oder siedelten sich auf brach liegendem Boden an.

Erst am 21. Juni 1914 erlaubte eine neue Verfügung Nichtrussen die Ansiedlung in der Hungersteppe (Golodnaja step) im Gebiet Samarkand. Doch kurz darauf machte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs weitere Besiedlung unmöglich. Im Gegensatz zu anderen Teilen Russlands kam es in Turkestan aber nicht zu Enteignungen oder Vertreibungen der deutschen Bevölkerung.

Vor dem Ersten Weltkrieg lebten in ganz Turkestan mindestens 9.500 Deutsche: etwa 4.000 auf dem Land und 5.500 in den Städten.

Sowjetzeit: Deportation, Zwangsarbeit und Baumwolle

Nach der Oktoberrevolution 1917 und dem Bürgerkrieg änderte sich das Leben der Deutschen grundlegend. In den 1920er Jahren flohen mehrere tausend Siedler, darunter viele Wolgadeutsche, nach Turkestan. Taschkent galt als „brotreiche Stadt“ und versprach Zuflucht vor Hunger und Chaos.

Die eigentliche Wende kam mit dem Erlass des Obersten Sowjets vom 28. August 1941. Unter dem pauschalen Vorwurf der Kollaboration mit Hitler-Deutschland wurden nahezu alle Deutschen aus dem europäischen Teil der Sowjetunion deportiert. Die Vertreibung traf insbesondere die Wolgadeutschen. In Güterwaggons wurden sie nach Kasachstan, Sibirien und in andere Teile Zentralasiens transportiert.

Auch nach Tadschikistan kamen viele deportierte Deutsche. Der Kreis Kumsangir und die benachbarten Kreise Kolchosabad und Wachsch im Süden Tadschikistans wurden ab den 1940er Jahren stark mit Wolgadeutschen besiedelt. Sie mussten das Land von Grund auf urbar machen. Später trieben sie die Baumwollwirtschaft voran. In den 1970er und 1980er Jahren machten Deutsche zeitweise bis zu 48 Prozent der Bevölkerung in manchen Landkreisen aus.

Viele Deutsche wurden in die sogenannte Trudarmee (Arbeitsarmee) eingezogen – eine Form der Zwangsarbeit unter militärischer Kontrolle. Männer zwischen 15 und 60 Jahren, aber auch Frauen, mussten unter extremen Bedingungen in Bergwerken, auf Baustellen und in der Industrie arbeiten. Im nordtadschikischen Taboschar (heute Istiqlol) bauten deutsche Kriegsgefangene und deportierte Russlanddeutsche die Stadt auf, die durch Uranbergbau für das sowjetische Atombombenprogramm bekannt wurde. Das dortige Stadtbild erinnert bis heute an ein deutsches Bergdorf.

Bis 1955 unterstanden die Deutschen in der Sowjetunion einer Sonderverwaltung (Kommandantur) mit strengen Meldepflichten und Ausgangsbeschränkungen. Eine Rückkehr in die alten Siedlungsgebiete war verboten.

Die evangelisch-lutherische Kirche in Taschkent – ein Anker der Gemeinschaft

Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde in Taschkent wurde bereits 1885 gegründet. Die Kirche selbst, ein neugotischer Bau aus gelblichem Sandziegel, wurde 1899 vom Architekten Alexeï Benois errichtet. In ihrer Blütezeit zählte die Gemeinde bis zu 2.000 Mitglieder.

Während der Sowjetzeit wurde die Kirche zweckentfremdet – als Lagerhaus und später als Übungssaal des Opernkonservatoriums. Erst 1991 wurde sie renoviert und kehrte zu ihrer ursprünglichen Funktion zurück. Heute versammeln sich dort regelmäßig rund 200 Gläubige zum Gottesdienst, der sowohl auf Russisch als auch auf Deutsch abgehalten wird.

Neben der lutherischen Kirche spielten auch katholische Gemeinden eine wichtige Rolle. In Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, gab es eine kleine katholische Kirche, die sich allein aus Spenden ihrer Mitglieder finanzierte. Beide Konfessionen hatten keinen Kontakt zu kirchlichen Institutionen in Deutschland und mussten alles selbst organisieren.

Der Bürgerkrieg in Tadschikistan und die Flucht der Deutschen

Der Zerfall der Sowjetunion 1991 brachte für die Deutschen in Tadschikistan eine Katastrophe. Im September 1992 brach ein Bürgerkrieg zwischen der Regierung und islamischen Oppositionsgruppen aus. Der Konflikt dauerte bis 1997 und kostete Zehntausende Menschen das Leben.

Für die deutsche Bevölkerung war das der letzte Anstoß zur Ausreise. Die meisten flohen zunächst mit Bussen nach Duschanbe und von dort weiter nach Deutschland. Die Ausreisebewegung hatte schon in den späten 1980er Jahren begonnen. Der tadschikische Paßbehörden-Chef Dschuneit Ibodow berichtete, dass 1986 nur 55 von 936 Anträgen genehmigt wurden. 1987 waren es schon 1.437 von 2.080. Bis 1988 verdreifachte sich die Zahl der Ausreisenden auf rund 5.500.

Jakob Hermann, geboren 1941 in Nischni Pjandsch nahe der afghanischen Grenze, ist einer der wenigen Deutschen, die in Tadschikistan geblieben sind. Seine Eltern wurden 1936 von der Wolga hierher umgesiedelt. Als der Bürgerkrieg ausbrach, war die Straße zum Kreiszentrum bereits umkämpft – eine Flucht unmöglich. Seine Verwandten leben heute verstreut in Deutschland. Hermann spricht nach wie vor Deutsch und unterhält sich jeden Abend vor dem Einschlafen mit sich selbst in seiner Muttersprache – „gegen das Vergessen“.

Kulturzentren und das Kämpfen gegen das Vergessen

In Usbekistan betreibt das Deutsche Kulturzentrum „Wiedergeburt“ in Taschkent aktive Kulturarbeit. Es bietet Sprachkurse, einen Chor, Tanzkurse und einen Spielklub für Kinder an. Rund 600 Personen lernen dort Deutsch. Das Zentrum hat Filialen in Buchara, Fergana und Samarkand.

In Tadschikistan sieht die Lage anders aus. Es gibt keine landesweit agierende Vereinigung der deutschen Minderheit mehr. Die Bundesregierung unterstützt die verbliebenen Deutschen mit Begegnungsstätten, Sprachkursen und Jugendarbeit über die Deutsche Botschaft in Duschanbe und das Goethe-Institut.

Die Stadt Taboschar (heute Istiqlol) im Norden Tadschikistans steht sinnbildlich für das deutsche Erbe in der Region. Die von Deutschen erbauten Giebelhäuser stehen noch immer. Aber die Bergwerke sind geschlossen, die Deutschen sind gegangen. Was bleibt, sind radioaktive Altlasten aus dem Uranbergbau und ein Stadtbild, das an ein bayerisches Bergdorf erinnert.

Was von den deutschen Dörfern in Zentralasien übrig ist

Die Geschichte der Deutschen in Turkestan und Tadschikistan ist abgeschlossen – zumindest als Siedlungsgeschichte. Von den einst rund 32.600 Deutschen in Tadschikistan (Stand 1989) leben heute kaum noch 1.500 dort. In Usbekistan sank die Zahl von 40.000 (1980) auf etwa 8.000. In ganz Zentralasien sind die deutschen Siedlungen verwaist oder von anderen Bewohnern übernommen worden.

Was bleibt, sind Spuren: Kirchen, Häuser, Straßennamen. Und die Erinnerungen der Menschen, die dort geboren und aufgewachsen sind – ob in Taboschar, am Pjandsch oder in den mennonitischen Dörfern am Talas-Tal. Ihre Geschichten sind Teil der deutschen, der zentralasiatischen und der sowjetischen Geschichte. Sie verdienen es, nicht vergessen zu werden.

Quellen

  1. Turkestan – Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (Universität Oldenburg)
  2. Zwei Regionen – eine Geschichte: Vortrag zum Thema Deutsche in Zentralasien – Deutsche Allgemeine Zeitung
  3. Der letzte Tadschikistandeutsche am Pjandsch – Deutsche Allgemeine Zeitung
  4. Das deutsche Dorf in Tadschikistan – Deutsche Allgemeine Zeitung
  5. Auf Spurensuche in Zentralasien – Deutsches Kulturforum östliches Europa

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